Es gibt Gedanken, die lassen mich einfach nicht mehr los. Stade ist so ein Gedanke. Ich lese seit Tagen alles, was ich über diesen Fall finden kann. Und je mehr ich lese, desto größer werden mein Entsetzen und meine Fassungslosigkeit.

Ein Hilfeplangespräch.

Allein dieses Wort steht doch für Schutz, Hilfe und Verantwortung. Dort sollte über das Wohl eines Kindes gesprochen werden. Menschen, die Verantwortung tragen, wollten einen Weg finden, wie es weitergehen kann. Und dann endet ein solcher Termin in einer unfassbaren Tragödie.

Ich sitze davor und frage mich immer wieder:

Wie konnte das passieren?

Je mehr bekannt wird, desto mehr Fragen drängen sich auf.

Welche Informationen lagen den zuständigen Behörden tatsächlich vor?

Wurde die Gefährdung richtig eingeschätzt?

Gab es Warnzeichen, die heute noch einmal neu bewertet werden müssen?

Welche Lehren werden aus dieser Tat gezogen?

Hinzu kommen zahlreiche Verbindungen und Umstände, die weitere Fragen aufwerfen. Vielleicht gibt es für all diese Zusammenhänge nachvollziehbare Erklärungen. Dann müssen sie offengelegt werden. Denn nur Transparenz schafft Vertrauen. Ich erwarte keine vorschnellen Antworten. Aber ich erwarte, dass dieser Fall vollständig, transparent und schonungslos aufgeklärt wird.

Und wenn dabei Fehler gemacht wurden, dann müssen sie offen benannt werden. Nicht, um jemanden an den Pranger zu stellen. Sondern weil ein Rechtsstaat nur dann Vertrauen verdient, wenn er bereit ist, eigene Fehler aufzuklären, daraus zu lernen und die notwendigen Konsequenzen zu ziehen. Das ist keine überzogene Forderung. Das dürfen Bürger von einem Rechtsstaat erwarten.

Sechs Menschen sind an diesem Morgen zur Arbeit gegangen. Sie wollten helfen. Sie taten das, was ihre tägliche Aufgabe war: Menschen in schwierigen Lebenslagen zu begleiten und ein Kind zu schützen. Keiner von ihnen wird jemals wieder nach Hause zurückkehren.

Unter den Opfern war auch eine junge Mitarbeiterin des Jugendamtes. Ihre beiden kleinen Kinder hatten wenige Wochen zuvor bereits ihren Vater verloren. Nun verloren sie auch ihre Mutter. Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr wird mir klar, dass mich dieser Fall deshalb nicht mehr loslässt.

Denn wenn Menschen, die anderen helfen wollen, bei ihrer Arbeit ihr Leben verlieren und Kinder innerhalb weniger Wochen zu Vollwaisen werden, dann geht es längst nicht mehr nur um einen einzelnen Kriminalfall.

Dann geht es um Vertrauen.

Eigentlich sollte jeder Bürger in einem sicheren Land darauf vertrauen können, dass er morgens das Haus verlässt und abends gesund wieder nach Hause kommt. Doch genau dieses Gefühl von Sicherheit schwindet bei vielen Menschen mehr und mehr.

Und genau das erschüttert mich.

Nicht nur wegen Stade.

Sondern weil ich mich frage, wie viele solcher Taten es noch braucht, bis diejenigen, die politische Verantwortung tragen, erkennen, wie viel Vertrauen bereits verloren gegangen ist. Zu diesem Vertrauen gehört für mich mehr als Politik.

Es gehört auch das Vertrauen dazu, dass Behörden sorgfältig handeln, dass Straftaten konsequent aufgeklärt werden und dass der Rechtsstaat nachvollziehbar und gerecht arbeitet. In einem Rechtsstaat darf niemand über dem Gesetz stehen – auch der Staat selbst nicht.

Deshalb dürfen Bürger erwarten, dass Behörden rechtmäßig handeln, Straftaten konsequent aufgeklärt werden und staatliches Handeln transparent und nachvollziehbar ist. Wenn Menschen das Vertrauen in den Staat verlieren, hat die Politik ein ernstes Problem.

Denn Vertrauen lässt sich nicht verordnen. Es muss jeden Tag neu verdient werden. Und deshalb bleibt für mich am Ende nur eine Frage:

Wann übernehmen Politiker Verantwortung, bevor noch mehr Bürger das Vertrauen in den Staat verlieren?

Ilona Strunk
Die Stimme aus dem Pott