Jahrelang haben sie den Kulturkampf mit einer Härte geführt, die sie heute offenbar selbst erschreckt. Wer gegen die herrschenden Deutungen verstieß, wurde nicht selten zum Problem erklärt: als rückständig, gefährlich, menschenfeindlich oder als jemand, dem man besser keine öffentliche Bühne mehr geben sollte. Meldestellen, Kampagnen, NGO-Netzwerke und eine immer weiter ausgedehnte Sprache als Waffe der Ausgrenzung sollten dafür sorgen, dass bestimmte Ansichten nicht nur politisch bekämpft, sondern gesellschaftlich erledigt wurden.
Auch bei der Gewalt gegen politische Gegner, bei Hetzjagden der Antifa und bei Anschlägen auf zivile Infrastruktur zeigte sich eine bemerkenswerte Nachsicht. Während bürgerliche Protestformen mitunter zum moralischen Notstand erklärt wurden, fanden sich für die eigenen Aktivisten regelmäßig Erklärungen, Relativierungen und wohlwollende Umstände. Die Empörung war nicht universal. Sie war politisch sortiert.
Nun verändert sich die Lage. Die linksgrüne kulturelle Hegemonie bröckelt, politische Mehrheiten verschieben sich, und manche, die gestern noch mit großer Gewissheit über die Grenzen des Sagbaren wachten, entdecken plötzlich den Wert des Dialogs. „Wir haben das alles nicht so gemeint.“ „Wir wollen euch doch nur helfen.“ „Lasst uns wieder miteinander reden.“
Man kennt diese Tonlage aus den letzten Tagen untergegangener Systeme. In der letzten Sitzung der DDR-Volkskammer soll Erich Mielke, der ehemalige Stasi-Chef, den Satz gesagt haben: „Wir lieben doch alle Menschen.“ Ein Satz, der gerade deshalb so verstörend wirkt, weil er aus dem Mund eines Mannes kam, dessen Institution Menschen überwacht, verfolgt und eingesperrt hatte.
Die Pointe liegt nicht darin, dass jeder heutige Linke mit einem Stasi-Chef gleichzusetzen wäre. Sie liegt darin, dass sich Herrschaft am Ende gern menschlich gibt. Wenn die Macht schwindet, entdeckt sie die Tugenden, die sie während ihrer Machtfülle allzu oft vergessen hat.
Doch Angst ist keine Einsicht. Und eine Handreichung aus Furcht vor dem Machtverlust ist noch keine Reue.
Es gab politische und kulturelle Milieus, die Gewalt gegen Andersdenkende verharmlost, Institutionen zur Durchsetzung ihrer moralischen Vorstellungen genutzt und den öffentlichen Raum zunehmend nach ihren eigenen Regeln geordnet haben. Es gab Menschen, die dabei mitgemacht, davon profitiert oder geschwiegen haben. Und es gab Opfer.
Wer heute um Verständigung bittet, muss sich fragen lassen, ob er seine früheren Überzeugungen tatsächlich korrigiert hat – oder ob er lediglich spürt, dass sich die politischen Verhältnisse gegen ihn wenden. Es ist ein Unterschied, ob jemand sagt: „Wir haben Unrecht getan“, oder ob er sagt: „Bitte tut uns nicht das an, was wir euch angetan haben könnten.“ Das eine ist moralische Einsicht. Das andere ist Selbsterhaltung.
Jetzt ist nicht die Zeit für Vergebung oder Gnade.