Marl-Sinsen - Draußen die üblichen Verdächtigen mit ihren Pappschildern, drinnen der eigentliche Krieg: Die AfD Nordrhein-Westfalen stellt ihre Landesliste für 2027 auf – und wieder einmal zeigt sich, dass der größte Feind der AfD nicht die etablierten Parteien sind, sondern sie selbst. Der Machtkampf zwischen dem betont staatstragenden Landeschef Martin Vincentz und dem rechten Lager um Bundestagsabgeordneten Matthias Helferich eskaliert erneut - mit allen Mitteln, wie der Titel schon sagt.
Matthias Helferich (MdB) in Marl-Sinsen
Drei Stunden Geschäftsordnungsdebatte, um eine Stunde zu sparen
Bevor es überhaupt um Köpfe und Listenplätze ging, bewies der Landesverband einmal mehr sein Talent zur Selbstlähmung: Stundenlang wurde über Tagesordnung, Kandidatenvorstellung, Wahl- und Auszählverfahren diskutiert – mit dem erklärten Ziel, Zeit zu sparen. Ergebnis: Drei Stunden Grundsatzdebatte für eine Stunde Zeitersparnis. Wer sich fragt, warum die AfD in NRW seit Jahren keinen klaren Kurs findet, bekommt hier die Antwort in Reinform.
Selbst die schlichte Frage, wie viele Delegierte überhaupt im Saal und stimmberechtigt waren, sorgte zunächst für Verwirrung. Um 10:47 Uhr waren 495 Personen akkreditiert, eine Stunde später 499 – Versammlungsleiter Julian Flak musste erst nachträglich für Klarheit sorgen.
Der Gegner: ein Mann mit Aktenzeichen
Klaus Esser, Landtagsabgeordneter aus Düren, gilt als der Strippenzieher des Vincentz-Lagers. Und das, obwohl gegen ihn gleich mehrere Verfahren laufen oder liefen: gefälschte Hochschulzeugnisse, Titelmissbrauch, manipulierte Mitgliederaufnahmen. Esser bestreitet alles. Seine Immunität als Abgeordneter wurde bereits aufgehoben, und – man höre und staune – auf Druck des Bundesvorstands musste sogar das Landesschiedsgericht ein Parteiausschlussverfahren gegen ihn eröffnen, nachdem der Landesvorstand um Vincentz ihn zuvor mit einem stillen Vergleich hatte durchwinken wollen. Klüngel unter Patrioten, sozusagen.
Genau dieser Mann trat heute gegen Matthias Helferich um einen aussichtsreichen Listenplatz an. Ein Duell, das die ganze Partei-DNA offenlegt.
Listenplatz 13: Der Showdown
Esser hielt eine Rede, die selbst wohlwollende Beobachter als farblos beschreiben – Schwerpunkt Verkehrspolitik, zu den Vorwürfen gegen die eigene Person nur ein pauschales „Fehler passieren“. Bemerkenswert: Esser behauptete, sein Parteikollege Fabian Jacobi habe ihm während der Rede zweimal den Stinkefinger gezeigt. Auf den vorliegenden Aufnahmen ist davon nichts zu erkennen – man darf sich also selbst ein Bild machen, was von dieser Opfererzählung zu halten ist.
Helferich lieferte – für seine Verhältnisse – eine schwache Rede ab: Meinungsfreiheit, Zuwanderung, „Meinungskorridor“, streckenweise im Duktus, den man sonst eher aus Thüringen kennt. Inhaltlich zielte er direkt auf Esser: Die AfD könne Leute wie den CDU-Mann Mario Voigt nicht mehr glaubwürdig kritisieren, wenn sie selbst Figuren wie Esser in den eigenen Reihen dulde - ein Punkt, der sitzt, auch wenn der Rede insgesamt die Struktur fehlte. Beiden Rednern wurde übrigens vom Versammlungsleiter das Mikrofon abgedreht, bevor sie ihren Schlussappell loswerden konnten. Applaus und Buhrufe für beide – Marl bleibt gespalten.
Der erste Wahlgang brachte keine Entscheidung: 496 Stimmen, 3 Enthaltungen, 0 ungültig, nötiges Quorum 247 – Helferich 217, Esser 246, 30-mal Nein. Beide verfehlten die Mehrheit. Stichwahl.
Zwischenfall während der Wahl: der Bedrohungs-Vorwurf
Mitten in der laufenden Abstimmung ergriff ein Delegierter das Wort und behauptete, ein Mitglied des Landesvorstands sei durch die Reihen gegangen und habe Delegierte unter Druck gesetzt, sollten bestimmte Kandidaten nicht gewählt werden. Die Versammlungsleiterin verwies knapp auf die geheime Wahl. Wichtig für unsere Leser: Das ist bislang nichts weiter als die Behauptung eines einzelnen Delegierten – keine bewiesene Tatsache. Aber allein, dass so etwas öffentlich in den Saal gerufen wird, sagt einiges über das Vertrauensklima im Landesverband.
In der Stichwahl setzte sich Esser durch: 496 Stimmen, 3 Enthaltungen, 0 ungültig, 21-mal Nein – Esser 251, Helferich 221. Listenplatz 13 geht an den Mann mit dem Aktenzeichen. Aus Sicht des Helferich-Lagers dürfte das strategisch ein Eigentor gewesen sein: Ausgerechnet den selbst höchst umstrittenen Helferich direkt gegen Esser antreten zu lassen, hat am Ende wohl eher Essers Lager mobilisiert als die unentschlossenen Delegierten.
Auch Blex bekommt sein Fett weg
Ein weiterer Delegierter warf dem AfD-Politiker Dr. Christian Blex vor, Wuppertaler Delegierte – sinngemäß, nicht wortwörtlich – „erpresst“ zu haben. Versammlungsleiterin Sonja Nilz reagierte auf die Wortmeldung. Auch hier gilt: bislang unbewiesene Behauptung, keine Tatsache. Aber die Häufung solcher Vorwürfe an einem einzigen Vormittag spricht Bände.
Und dann noch die Panne bei Listenplatz 15
Als wäre der Tag nicht schon chaotisch genug: Bei der Auszählung zu Listenplatz 15 (Jürgen Spenrath gegen Eduard Stumpf) wurde eine Wahlurne schlicht übersehen und stand unbeaufsichtigt im Saal herum. Erst hieß es, der Wahlgang müsse komplett wiederholt werden. Dann fand sich beim Nachzählen: sechs zusätzliche Stimmzettel – die aber am Ergebnis nichts geändert hätten. Also blieb es bei Spenraths Sieg, keine Wiederholung, um nicht noch mehr Rechtsunsicherheit zu produzieren. Basisdemokratie, AfD-Style.
Die Vorgeschichte: ein Landesverband im Dauerkrieg
Was heute in Marl passiert ist, ist kein Ausrutscher, sondern System. Schon im März hatte sich Vincentz beim Landesparteitag nur mit knappen 54,7 Prozent gegen seinen Herausforderer Fabian Jacobi durchgesetzt, den Helferichs Lager unterstützte. Und schon bei der Bundestagsliste im Januar 2025 zeigte sich dasselbe Bild: Helferich schaffte trotz laufendem Ausschlussverfahren einen Spitzenplatz, während gegen Esser parallel wegen mutmaßlicher Scheinmitgliedschaften in seinem Kreisverband Düren ermittelt wurde.
Jetzt, mit Blick auf 2027 und deutlich bessere Umfragewerte, geht es nicht mehr nur um Prestige. Es geht um 80 Listenplätze und damit um die Zukunft des größten und wichtigsten AfD-Landesverbands.
Ich gratuliere Martin Vincentz von Herzen zu seinem innerparteilichen Triumph! Er hat das Zeug, neue Wählerschichten für die AfD zu gewinnen, Vertrauen zu schaffen und damit NRW zu verändern. https://t.co/mkoyrOzj3E
— Dr. Maximilian Krah MdB (@KrahMax) July 11, 2026
Alice Weidel wünscht sich von der Bundesspitze aus gebetsmühlenartig „Geschlossenheit“. In Marl hat man davon heute wenig gemerkt. Stattdessen: Stinkefinger-Vorwürfe, Bedrohungs-Behauptungen, Erpressungs-Vorwürfe und eine übersehene Wahlurne. Wer sich als Alternative zum Filz der Altparteien verkaufen will, sollte vielleicht erst einmal den eigenen Saal aufräumen.
