Was für eine Szene beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit in Bremen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier beendet seine Rede mit einem Bekenntnis zu "einem guten Deutschland" – und die versammelte Polit-Prominenz erhebt sich zu minutenlangen stehenden Ovationen.

Applaus, Jubel, strahlende Gesichter. Im Saal herrscht Einigkeit. Die politische Elite feiert den Satz: „Wir leben in einem guten Deutschland.“

Dabei hatte Steinmeier in derselben Rede selbst von einer „wirklich tiefgreifenden Krise“ gesprochen. Er räumte ein, dass sich viele Bürger von der politischen Ordnung abwenden, und forderte die politischen Entscheidungsträger ausdrücklich zu „Selbstkritik und Nachdenklichkeit“ auf.

Genau darin liegt die irritierende Szene: Außerhalb des Festsaals wird über die Probleme des Landes geschwiegen. Im Festsaal applaudiert die politische Elite. Zwei Deutschland-Bilder prallen aufeinander – das Deutschland der Festreden und das Deutschland, das Bürger in ihrem Stadtbild erleben.

Steinmeier selbst fragte in seiner Rede, was die Regierungen der vergangenen Jahrzehnte versäumt hätten, dass so viele Menschen sich abwenden. Umso bemerkenswerter wirkt es, wenn unmittelbar danach der Eindruck einer politischen Selbstbestätigung entsteht.

Die entscheidende Frage bleibt deshalb: Wem galt dieser Applaus eigentlich? Steinmeier – oder dem politischen Deutschland, das sich gerade selbst applaudiert?

Beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit sollte es um das gemeinsame Deutschland gehen. Stattdessen liefert die Szene vor allem ein Bild darüber, wie weit politische Elite und Volk auseinanderliegen.