„Heute meist sonnig, einzig über den Alpen und dem Bayerwald ein paar flache Quellwolken.“ So klingt die Wettervorhersage des Deutschen Wetterdienstes für Südbayern. Kaiserwetter am Tegernsee.
Dort besitzt Bundeskanzler Friedrich Merz gemeinsam mit seiner Frau Charlotte ein stattliches Ferienhaus in Seenähe. Das Anwesen in Gmund dient der Familie seit Jahren als Rückzugsort. Seit Merz Kanzler ist, dürfte die Umgebung zusätzlich von Personenschützern und Polizeikräften gesichert werden. Zugang für Unbefugte? Praktisch unmöglich.
Ob sich Merz derzeit tatsächlich dort aufhält, ist öffentlich nicht bestätigt. Sicher ist nur: Vom Kanzler ist in diesen Tagen wenig zu sehen.
Berlin wird zur betonierten Geisterstadt
Jedes Jahr leert sich das Berliner Regierungsviertel während der parlamentarischen Sommerpause. Abgeordnetenbüros bleiben dunkel, Restaurants leer, Gastronomen klagen über ausbleibende Gäste. Aus dem geschäftigen Parlamentsviertel wird für einige Wochen eine betonierte Geisterstadt.
Doch hinter den verlassenen Fassaden braut sich – entgegen dem Kaiserwetter in Bayern – ein politisches Unwetter zusammen. Gewitterwarnung für die Merz-Regierung!
Rentenkrach in der Koalition
Union und SPD streiten erneut über die sogenannte „Rente mit 63“. Eigentlich sollte die abschlagsfreie Frührente nach 45 Beitragsjahren abgeschafft werden. Nun stellen sich mehrere Ministerpräsidenten – darunter auch CDU-Regierungschefs – gegen die Pläne.
Die SPD verlangt Klarheit, die Union ringt um ihre Linie und aus den Ländern wächst der Widerstand. Selbst über Härtefall- und Übergangsregelungen wird bereits gesprochen. Aus einem beschlossenen Reformkurs ist wieder eine offene Machtfrage geworden.
Während die Koalition streitet, schweigt der Kanzler.
Sachsen-Anhalt: Niederlage mit Ansage
Noch dramatischer ist die Lage für die CDU in Sachsen-Anhalt. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund galoppiert den Christdemokraten davon.
In der aktuellen INSA-Umfrage kommt die AfD auf 42 Prozent, die CDU nur noch auf 22 Prozent. Ein Vorsprung von 20 Punkten – wenige Wochen vor der Landtagswahl. Aus einem schwierigen Wahlkampf droht für die Union eine historische Demütigung zu werden.
Beobachter könnten von einer Niederlage mit Ansage sprechen. Die CDU wirkt ratlos, ihr Spitzenkandidat Sven Schulze kommt nicht vom Fleck – und aus dem Kanzleramt fehlt ein sichtbares Signal.
Das Gruselkabinett findet keine Ruhe
Auch die überstürzte Kabinettsumbildung hat tiefe Spuren hinterlassen. Personalwechsel, Absagen und öffentliche Kommunikationspannen sorgten für Unruhe in Regierung, Fraktion und Partei.
Der Rücktritt von Jens Spahn als Unionsfraktionschef nach der Leihmutterschaftsaffäre ist ebenfalls nicht verdaut. Die Debatte traf die CDU an ihrem empfindlichsten Punkt: bei der Glaubwürdigkeit ihrer eigenen familienpolitischen Grundsätze.
Merz selbst räumte Kommunikationsfehler bei der Neuaufstellung ein. Doch Ruhe ist damit nicht eingekehrt. Hinter den Kulissen rumort es weiter.
Ein Statement ersetzt keine Führung
Zur Migrationskrise in Ceuta veröffentlichte das Kanzleramt zwar eine Erklärung von Friedrich Merz. Regierungssprecher Stefan Kornelius äußerte sich ebenfalls zur Lage. Doch ein schriftliches Statement ist noch keine sichtbare Führung.
Bis zu 60.000 Menschen hatten zeitweise von Marokko aus die EU-Außengrenze erreicht. Europa diskutiert über Grenzschutz, Weiterreise und mögliche Konsequenzen – während der deutsche Kanzler öffentlich kaum in Erscheinung tritt.
Natürlich hat auch ein Bundeskanzler ein Recht auf Privatsphäre und Erholung. Doch das Kanzleramt ist kein Beruf wie jeder andere. Es ist ein Amt, das permanente Verantwortung verlangt – besonders dann, wenn Regierung, Partei und Koalition gleichzeitig ins Schlingern geraten.
Urlaub zur Unzeit?
Friedrich Merz ist 70 Jahre alt, im November wird er 71. Anstrengende Nachtsitzungen, internationale Krisentreffen und lange Arbeitstage gehören zum Amt. Belastbare Hinweise darauf, dass der Kanzler seinen Aufgaben gesundheitlich nicht gewachsen wäre, gibt es nicht.
Die entscheidende Frage ist deshalb eine politische: Ist ausgerechnet jetzt der richtige Zeitpunkt, sich aus der Öffentlichkeit zurückzuziehen?
Die Koalition streitet. Die CDU taumelt einer historischen Niederlage entgegen. Die Partei verarbeitet einen handfesten Glaubwürdigkeitsskandal. An Europas Außengrenze herrscht Ausnahmezustand.
Und der Kanzler? Am Tegernsee scheint jedenfalls die Sonne.