Das Gefühl, nicht dort sein zu können, wo man sein will, und nicht dort zu sein, wo man sein wollte: Vielleicht beginnt deutsche Sehnsucht genau an diesem Punkt.
Sehnsucht und Behaglichkeit haben immer zum Deutschen gehört. In der Romantik fanden sie ihre literarische und bildliche Übersetzung. Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ blickt nicht auf eine klar geordnete Welt, sondern auf eine Landschaft, die sich seinem Zugriff entzieht. Der Mensch steht allein vor etwas Größerem, das er nicht beherrschen kann.
Die Romantik war auch eine Antwort auf Rationalisierung, Industrialisierung und Beschleunigung. Während Fabriken wuchsen und Städte sich veränderten, wurde die Natur zum Gegenbild einer Welt, in der der Mensch zunehmend Teil einer Maschine zu werden drohte. Heimat war in diesem Sinne nie nur ein Ort. Sie war ein innerer Zustand – und manchmal gerade die Sehnsucht nach einem Ort, den es so vielleicht niemals gegeben hat.
Die deutsche Form
Die deutsche Ästhetik war dabei nicht nur behaglich und schon gar nicht immer opulent. Selbstverständlich kennt die deutsche Geschichte den Prunk des Barock, die Überwältigung der Gotik und die repräsentativen Fassaden des Historismus. Der Kölner Dom ist kein Bauwerk der Zurückhaltung.
Daneben verläuft jedoch eine andere, mindestens ebenso deutsche Linie: von germanischen Langhäusern und Thingplätzen über das Fachwerk, die Backsteingotik und die Lagerhäuser der Hanse bis zu den klassizistischen Bauten Karl Friedrich Schinkels. Sie folgt einer Ästhetik der Ordnung, des Materials und des Zwecks. Ihre Schönheit entsteht nicht allein durch Schmuck, sondern aus Konstruktion, Proportion und Gebrauch.
Auch Preußen entwickelte seinen Stil weniger aus verschwenderischer Opulenz als aus Disziplin und Maß. Das Gebäude sollte eine Aufgabe erfüllen und diese Aufgabe nach außen sichtbar machen. Selbst dort, wo Architektur Macht demonstrierte, tat sie dies häufig durch Achsen, Symmetrie und Wiederholung.
Das gilt in einer radikalisierten Form auch für die Architektur des Nationalsozialismus. Das frühere Reichsluftfahrtministerium, heute Sitz des Bundesfinanzministeriums, wurde von Ernst Sagebiel entworfen. Seine endlosen Fensterreihen und streng gegliederten Fassaden ordnen den Einzelnen einer übermächtigen Struktur unter. Albert Speers Monumentalbauten folgten demselben politischen Prinzip: Das Individuum sollte vor Staat und Kollektiv zurücktreten.
Auch Prora auf Rügen ist funktional. Doch Behaglichkeit erzeugt der gewaltige Komplex nicht. Gerade daran zeigt sich: Funktionalität allein macht noch keine gute Architektur. Ein Bau kann seinen politischen oder organisatorischen Zweck vollkommen erfüllen und dennoch dem Menschen fremd bleiben.
Wenn Gedanken zu Stein werden
Das Nationale äußert sich zunächst in Gedanken. Aus Gedanken entstehen Formen, aus Formen Architektur und schließlich Materie. In diesem Sinne ist jedes Gebäude auch ein Produkt jener Gesellschaft, die es hervorgebracht hat.
Zugespitzt lautet eine in der Neuen Rechten verbreitete Argumentation: Eine Nation, die nicht mehr aus ihrer eigenen Geschichte und Identität heraus baut, gibt sich selbst auf. Wo sich Paris, Budapest oder Rom noch in ihrer Architektur erkennen, entstehe in Deutschland ein austauschbarer globaler Raum aus Glas, Beton und Stahl.
Auch Benedikt Kaiser hat innerhalb der Neuen Rechten immer wieder die Frage aufgeworfen, wie sich soziale, nationale und materielle Ordnung miteinander verbinden lassen. Diese Frage ist berechtigt. Architektur ist niemals neutral. Sie entscheidet darüber, wie Menschen leben, einander begegnen und sich selbst in einer Gemeinschaft wahrnehmen.
Doch aus der richtigen Frage folgt nicht automatisch die richtige Antwort.
Die AfD in Sachsen-Anhalt bezeichnet das Bauhaus als „Irrweg der Moderne“. Es stehe für Entwurzelung, internationale Gleichförmigkeit und eine Architektur, die jedes Zeichen nationaler Verwurzelung vermeiden wolle. Dem von der Landesregierung verwendeten Begriff „moderndenken“ stellt die Partei ein „deutschdenken“ entgegen.
Damit macht sie es sich zu einfach.
Bauhaus war kein Fertighauskatalog
Das historische Bauhaus war kein einheitlicher Stil und schon gar kein Fertighauskatalog für die globalisierte Welt. Zwischen Walter Gropius, Hannes Meyer und Ludwig Mies van der Rohe bestanden erhebliche Unterschiede. Das Bauhaus war eine Schule, ein Experiment und eine Antwort auf die gesellschaftlichen Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg.
Sein Name verwies auf die mittelalterlichen Bauhütten, in denen Handwerker verschiedener Gewerke gemeinsam an einem Werk arbeiteten. Kunst und Handwerk sollten wieder zusammengeführt werden. Der Künstler sollte nicht über dem Handwerker stehen, sondern aus seinem Können hervorgehen.
Das war keine Verachtung deutscher Tradition. Es war der Versuch, eine verschüttete Tradition unter den Bedingungen der Moderne neu zu beleben.
Auch die Forderung, die Form müsse der Funktion folgen, ist keineswegs undeutsch. Sie entspricht jener Nüchternheit, die sich in preußischer Verwaltung, protestantischer Arbeitsethik, deutscher Ingenieurskunst und industrieller Präzision wiederfindet. Das Bauhaus wollte den Menschen nicht durch überflüssigen Schmuck beeindrucken. Es wollte Gegenstände und Gebäude schaffen, die verständlich, bezahlbar und für das moderne Leben geeignet waren.
Dass daraus später seelenlose Wohnblöcke, billige Investorenarchitektur und austauschbare Innenstädte entstanden, kann man dem Bauhaus nicht allein anlasten. Die heutige Hässlichkeit wird weniger von einem gestalterischen Ideal als von Renditedruck, Materialkosten, Bauvorschriften und der größtmöglichen Ausnutzung jedes Quadratmeters bestimmt.
Das Problem ist nicht, dass die Form der Funktion folgt. Das Problem ist, welcher Funktion sie folgt.
Dient ein Gebäude dem Menschen, dem gemeinschaftlichen Leben und einer dauerhaft schönen Stadt? Oder dient es allein der Bilanz eines Immobilienkonzerns?
Auch Nachfrage ist kulturelle Wahrheit
Damit ist die Frage nach Behaglichkeit nicht erledigt. Menschen bevorzugen häufig Altbauwohnungen, gewachsene Straßen, hohe Decken, gegliederte Fassaden und erkennbare Ortskerne. Sie wollen keine Wohnmaschinen, in denen jede individuelle Spur als Störung erscheint.
Diese Nachfrage ist keine Einbildung. Auch sie ist eine kulturelle Tatsache.
Wer heute jede Kritik an moderner Architektur als reaktionär oder gar gefährlich abtut, schützt nicht das historische Bauhaus. Er schützt häufig nur die Einfallslosigkeit der Gegenwart. Zwischen einer Bauhaus-Villa von Mies van der Rohe und einem gedämmten Investorenwürfel am Stadtrand liegt ein größerer Unterschied als zwischen manchen Gebäuden verschiedener Jahrhunderte.
Doch auch die Sehnsucht nach Gründerzeitfassaden und traditionellen Dächern darf nicht zum politischen Baukasten erstarren. Heimat entsteht nicht dadurch, dass man auf jedes öffentliche Gebäude Säulen, Erker und ein Satteldach setzt. Eine Nation, die nur noch die Formen ihrer Vergangenheit kopiert, besitzt möglicherweise Erinnerung – aber keine gestalterische Kraft mehr.
Nationale Selbstbestimmung bedeutet nicht, die Zeit anzuhalten. Sie bedeutet, aus der eigenen Geschichte heraus eine Zukunft zu entwerfen.
Der deutsche Exportschlager
Warum wurde ausgerechnet das Bauhaus zu einem der größten kulturellen Exportschlager Deutschlands? Warum sind seine Spuren noch heute in moderner Architektur, Möbeln, Typografie und im Produktdesign erkennbar? Selbst die reduzierte Formensprache von Smartphones, Elektroautos und digitalen Benutzeroberflächen steht in einer gestalterischen Entwicklung, die ohne Bauhaus und europäische Moderne kaum denkbar wäre.
Man kann darauf antworten, dies sei der Sieg eines entwurzelten Globalismus. Man kann aber auch zu einem anderen Ergebnis kommen: Das Bauhaus wurde weltweit erfolgreich, weil es etwas spezifisch Deutsches in eine universelle Sprache übersetzte – Präzision, Reduktion, Handwerk, Technik und den Willen, eine unübersichtliche Welt durch Gestaltung zu ordnen.
Das Nationale verliert nicht zwangsläufig seinen Wert, wenn es von anderen übernommen wird. Im Gegenteil: Eine Kultur beweist ihre Kraft gerade dadurch, dass ihre Formen über die eigenen Grenzen hinaus wirksam werden.
Das Bauhaus ist deshalb nicht das Gegenteil deutscher Identität. Es ist Teil ihrer Widersprüche. In ihm begegnen sich Handwerk und Industrie, Heimat und Aufbruch, Gemeinschaft und Individualität, Behaglichkeit und Funktion.
Man muss das Bauhaus nicht verklären. Seine Kühle, sein Hang zur Standardisierung und der mitunter erzieherische Anspruch seiner Gestalter verdienen Kritik. Aber wer es pauschal als „undeutsch“ verwirft, kappt einen Teil der eigenen Geschichte.
Vielleicht besteht die eigentliche Aufgabe einer deutschen Architektur der Zukunft weder in der Rückkehr zur Gründerzeit noch in der endlosen Wiederholung gläserner Kästen. Sie müsste wieder lernen, was das Bauhaus zumindest versuchte: Material, Funktion, Schönheit und gesellschaftlichen Anspruch miteinander zu verbinden.
Denn Form folgt der Funktion. Die entscheidende politische Frage lautet nur: Welche Funktion soll unser Land künftig erfüllen – und welche Form wollen wir ihm geben?