Es gibt Menschen, deren Leben in wenigen Sekunden für immer zerbricht.

Nicht nur die Opfer selbst.

Sondern Eltern, die ihr Kind verlieren. Kinder, die plötzlich ohne Mutter oder Vater aufwachsen müssen. Ehepartner, Geschwister und Freunde, die jeden Tag mit einer Lücke leben, die sich niemals schließen wird.

Während die Öffentlichkeit längst über das nächste Thema diskutiert, beginnt für die Betroffenen ein Leben, das nie wieder so sein wird wie zuvor.

Der Stuhl am Esstisch bleibt leer.

Geburtstage werden zu schmerzhaften Erinnerungen.

Kinder stellen Fragen, auf die niemand eine Antwort hat.

Manche Opfer können nie wieder allein einkaufen gehen. Andere haben Angst vor Menschenmengen, vor Bahnhöfen oder einfach davor, ihre Wohnung zu verlassen. Viele wachen noch Jahre später nachts schweißgebadet auf. Nicht, weil das Verbrechen noch geschieht – sondern weil es in ihren Erinnerungen niemals aufgehört hat.

Für Angehörige gibt es keine Strafe, die den Verlust eines geliebten Menschen ungeschehen macht. Kein Urteil ersetzt eine Mutter. Kein Gefängnis bringt einen Vater zurück. Kein Schuldspruch heilt die Seele eines Kindes.

Die wahren Folgen einer Gewalttat stehen in keiner Statistik. Sie begleiten die Opfer und ihre Angehörigen ein Leben lang.

Umso bedrückender ist es, dass viele Betroffene nach kurzer Zeit aus der öffentlichen Wahrnehmung verschwinden. Nach den Schlagzeilen kehrt der Alltag zurück – für Politik, Medien und die meisten Menschen. Für die Opfer beginnt dann oft ein lebenslanger Kampf, den kaum noch jemand wahrnimmt.

Initiativen, die sich um Opfer schwerer Gewaltverbrechen kümmern, kämpfen um Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung. Dabei sind sie es, die dort helfen, wo das öffentliche Interesse längst weitergezogen ist.

Michael Kyrath steht stellvertretend für viele Hinterbliebene. Seine 17-jährige Tochter Ann-Marie wurde 2023 gemeinsam mit ihrem Freund Danny bei der Messerattacke in einem Regionalzug bei Brokstedt ermordet. Anstatt sich in seiner Trauer zurückzuziehen, gründete er die Initiative Trauerwache Deutschland. Gemeinsam mit seinem Team begleitet er betroffene Familien, gibt Hinterbliebenen eine Stimme und setzt sich dafür ein, dass die Opfer schwerer Gewaltverbrechen nicht in Vergessenheit geraten.

Nach Angaben der Initiative stehen heute mehr als 1.000 Opferfamilien miteinander in Kontakt. Michael Kyrath beschreibt die Erfahrungen aus dieser jahrelangen Arbeit mit einem Satz, der nachdenklich macht:

„Immer dasselbe Täterprofil. Immer dasselbe Tatwerkzeug. Nahezu immer dieselben Tatmotive. Nahezu immer derselbe Tathergang. Und immer dieselben Floskeln der verantwortlichen Politiker nach einer solchen Tat.

Heute finden mehr als 1.000 Opferfamilien in der Trauerwache Deutschland Halt und Unterstützung.

Dass eine solche Initiative auf Spenden angewiesen ist, während für andere Projekte Millionen an Steuergeld fließen, sollte uns alle nachdenklich machen. Der Schutz der Bürger ist die erste Aufgabe des Staates. Wo dieser Schutz versagt, dürfen Opfer und Hinterbliebene nicht sich selbst überlassen werden.

Vielleicht sollten wir deshalb häufiger über die Opfer sprechen.

Nicht nur am Tag der Tat.

Nicht nur bis zum Urteil.

Sondern solange sie mit den Folgen leben müssen.

Die erste Aufgabe eines Staates ist es, seine Bürger zu schützen.

Denn Sicherheit ist kein Randthema.

Sie ist die Grundlage von Freiheit.

Ilona Strunk
Die Stimme aus dem Pott

Informationen zur Initiative:

Trauerwache Deutschland

Initiator: Michael Kyrath

Gegründet nach der Messerattacke im Regionalzug bei Brokstedt im Januar 2023, bei der seine Tochter Ann-Marie und ihr Freund Danny getötet wurden.

Die Initiative begleitet Hinterbliebene schwerer Gewaltverbrechen, vernetzt betroffene Familien und setzt sich dafür ein, dass Opfer und ihre Angehörigen nicht in Vergessenheit geraten.