Der Sturm auf die Bastille am 14. Juli 1789 in Paris war der symbolische Beginn der Französischen Revolution. Die aufgebrachte Pariser Bevölkerung zog zur Festung, um dort gelagertes Schießpulver zu erbeuten, und nahm das Gebäude nach blutigen Kämpfen ein – Wendepunkt für Frankreich und Beginn der Aufklärung – unter dem Leitmotiv Liberté, Égalité, Fraternité. Untertanen wurden zu freien Bürgern.
237 Jahre später, Ende Juli 2026: der Migrantensturm auf Ceuta. Zehntausende, Schätzungen sprechen von 50.000 bis 60.000 Menschen, überwiegend junge marokkanische Männer, stürmen und schwimmen in die spanische Exklave. Die Stadt mit rund 84.000 Einwohnern wird überrannt, Dutzende sterben, Auffanglager kollabieren. Der Beginn eines zivilisatorischen Überlebenskampfes.
Europa zwischen Geburt und Tod
Wer Antworten auf die Gegenwart sucht, muss den Blick in die Vergangenheit wagen. Oswald Spengler wird von linken Kulturmarxisten gerne als „Kronintellektueller der Nationalsozialisten“ gebrandmarkt. In Wahrheit war Spengler Historiker und Rechtsintellektueller, der die Unterschiede und Lebenszyklen großer Kulturräume nachzeichnete. Ein Kulturraum meint die geografische und geistige Einheit von Gebieten, die sich in Sprache, Kultur und gemeinsamen Werten unterscheiden.
Spengler sieht die vermeintliche Gleichwertigkeit unterschiedlicher Kulturräume kritisch - vielmehr seit der westliche Kulturraum durch Neuordnungsprozesse und zivilisatorische Fortschritte schlicht überlegen. Überlegenheit schafft Verantwortung und den Drang zur Verteidigung.
Die Geschichte der Hegemonien ist so alt, wie die Menschheit selbst. In der Menschheitsgeschichte folgten verschiedene Vorherrschaften – Pax Britannica und Pax Americana erinnern an das mächtige Commonwealth und die gegenwärtig auslaufende amerikanische Hegemonie. All dies ist Teil eines kulturellen Lebenszyklus. Spengler verglich Geburt, Reife, Alterung und Tod des einzelnen Menschen mit der Entwicklung ganzer Kulturräume. Aus diesem Vergleich entstand der Titel seines Hauptwerks Der Untergang des Abendlandes. Wir erleben gegenwärtig den Tod der abendländischen Kultur. Gesellschaftliche und politische Vorzeichen lassen keinen Zweifel. Fraglich ist nur, ob entgegen Spengler, der Todeseintritt, d.h. endgültiger Ausfall aller lebenswichtigen Organfunktionen, verhindert werden kann.
Spätphase und Spätcäsarismus
Wie in einer dunklen Vorsehung hat Spengler die Zeichen des nahenden abendländischen Todes skizziert. In der Spätphase, kurz vor dem Tod eines Kulturraums, treten charakteristische Sympthome auf: Eliten frönen im Exzess von Prunk und Dekadenz eines Spätcäsarismus auf Kosten der Untertanen, vergleichbar mit den letzten Jahrzehnten vor dem Zerfall des Imperium Romanum. Feudalistisch organisierte Minderheiten, heute linksgrüne Öko-Eliten und Moralaposteln, herrschen über Mehrheiten und Kulturfremde überfordern die lokalen Gesellschaften und zerbrechen ihren inneren Zusammenhalt.
Schauen wir uns die gegenwärtige Politik an, so ist die "Dekdanze des Späcäsarismus" auch immateriell zu verstehen, daraus lässt sich der Gedanke von Spengler weiterentwickeln und auf die Gegenwart übertragen - moralische Überlegenheit ist für mich Ausdruck von Dekadenz und Missbilligung freier Lebensform. Moral wird zur Waffe der Kulturmarxisten, wie es RAF-Terroristin Bader Meinhof einst schrieb.
Das Imperium Romanum zerfiel vor allem durch geografische Überdehnung – zu schnell und zu weit. Die westliche Welt der Gegenwart zerfällt hingegen durch eine gegenläufige Bewegung: durch Kompression. Massenmigration, Globalisierung und die systematische Relativierung eigener Identität pressen die europäischen Gesellschaften zusammen, bis sie zerbersten. Irreversible Schäden an Gesellschaft und Kultur sind bereits im Stadtbild und in der fragmentierten Sozialstruktur sichtbar. Ceuta ist der sichtbare Ausdruck dieses Zerfallsprozesses an der europäischen Außengrenze.
Der Freiheitsverlust
Freiheit beginnt in den Köpfen – auch das war eine zentrale Erkenntnis der Französischen Revolution, die mit der Abschaffung des Absolutismus die Grenzen des Undenkbaren durchbrach. Ausgangspunkt war der Sturm auf die Bastille. Heute markiert der Sturm auf Ceuta den gegenläufigen Rückschritt.
Zu viele Globalisierungsopfer und Identitätslose haben die letzten Jahrzehnte des linksliberalen Experiments in Europa hervorgebracht – Unzufriedenheit und eine tiefe Sehnsucht nach Anerkennung des Eigenen. Die etablierten Medien deuten diese Sehnsucht und den daraus entstehenden Widerstand pauschal als Schwäche und als bloßes Abfallprodukt des Rechtspopulismus.
Europa befindet sich nicht in einem klassischen Krieg mit Armeen und Frontlinien, sondern in einem asymmetrischen Kampf um Bestand, Demografie und kulturelle Selbstbehauptung. Der Ansturm auf Ceuta ist kein Zufall und kein isoliertes Ereignis. Er ist der Beweis, dass der westliche Kulturraum in seiner Spätphase von innen und außen gleichzeitig angegriffen wird.

Die Lehre von 1683
Doch Europa hat diesen Kampf schon einmal bestanden. Als die osmanischen Heere 1683 vor Wien standen und den islamischen Vormarsch nach Mitteleuropa fortsetzen wollten, wurde die kulturfremde Expansion gestoppt – durch den Entsatz der Stadt und die anschließende Zurückdrängung. Polen-Litauen unter König Johann III. Sobieski, die kaiserlichen Truppen und ihre Verbündeten befreiten die belagerte Stadt und verhinderten den weiteren Vormarsch.
Damals entschied der Wille zur Selbstbehauptung über den Fortbestand des Abendlandes. Die osmanische Kriegführung war von kompromissloser Härte geprägt; die Zivilbevölkerung – insbesondere Frauen und Kinder – trug die Hauptlast der Eroberungszüge.
Heute steht die Entscheidung erneut an, diesmal an der südlichen Außengrenze. Der Untergang des Abendlandes findet nicht in abstrakten Theorien statt – er findet jetzt in Ceuta statt. Europa ist im Krieg. Ob es diesen Krieg noch gewinnen will, entscheidet sich daran, ob es den Moralfeudalismus abstreift und wieder den Mut zur eigenen Grenze und Identität findet.