Türkisch, Arabisch, Kurdisch & Co. sollen fester ins Berliner Schulsystem. Die Linke will Herkunftssprachen ausbauen – und prüft deutsch-arabische Schulzweige.
Während Eltern sich fragen, ob ihre Kinder überhaupt noch ausreichend Deutsch lesen, schreiben und verstehen, macht Die Linke Herkunftssprachen zum Programm. Im Wahlprogramm steht nicht weniger als das: Erstsprachenunterricht ausbauen, Arabisch und Kurdisch als Fremdsprachen öffnen – und prüfen, ob es deutsch-arabische oder deutsch-kurdische Schulzweige geben soll. Die Linke hat sich entschieden: mehr Migrantensprachen. Institutionell. Staatlich. Im Regelbetrieb.
Im Kapitel „Den Schatz heben: Mehrsprachigkeit fördern“ heißt es wörtlich: Den erstsprachlichen Unterricht wolle man „bedarfsgerecht weiter ausbauen, insbesondere auch an weiterführenden Schulen“. Die Staatlichen Europaschulen sollen wachsen, „vor allem im Ost-Teil der Stadt“. Und dann der Satz, der den Streit entzündet: „Außerdem wollen wir die Schaffung eines deutsch-arabischen oder deutsch-kurdischen Schulzweiges prüfen.“ Arabisch und Kurdisch sollen zusätzlich auf die Liste der in Berlin zu erlernenden Fremdsprachen.
Schon heute ist Erstsprachenunterricht in Berlin gesetzlich vorgesehen. Arabisch boomt dabei am stärksten: von acht Schulen im Schuljahr 2019/20 auf 45 Schulen 2024/25. Mehr als 1.600 Schüler sitzen im Arabisch-Angebot. Türkisch, Kurdisch, Russisch, Polnisch, Ukrainisch, Vietnamesisch laufen ebenfalls. Neu ist nicht die Idee – neu ist der politische Wille, sie weiter nach oben zu ziehen: in die Sekundarstufe, in Europaschul-Zweige, in die Fremdsprachenliste.
Die Realität an den Schulen ist der Grund, warum der Satz so hart ankommt. An öffentlichen allgemeinbildenden Schulen spricht inzwischen rund 43 Prozent der Schülerschaft zu Hause kein Deutsch als Familiensprache. An Grundschulen liegt der Anteil höher. In Teilen von Neukölln, Mitte oder Kreuzberg gibt es Schulen, an denen 75, 90, manchmal fast 100 Prozent der Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache sind. Schulleiterinnen aus Neukölln haben das schon vor Jahren öffentlich gemacht: In manchen ersten Klassen saß kaum noch ein Kind, das zu Hause Deutsch spricht.
Genau dort setzt die Linke den Hebel an die falsche Stelle, sagen Kritiker. Nicht mehr Deutsch zuerst, sondern Herkunftssprache als „Schatz“. Nicht die Verkehrssprache sichern, ohne die Zeugnis, Ausbildung und Arbeitsmarkt nicht funktionieren – sondern Arabisch und Kurdisch institutionell verankern.
Die Partei wehrt sich gegen den Vorwurf, sie wolle ein „arabisches Schulsystem“. Geprüft werden soll ein bilingualer Zweig nach dem Muster der Europaschule: Deutsch plus Partnersprache. Solche Zweige gibt es längst für Englisch, Französisch, Spanisch, Polnisch, Türkisch. Arabisch und Kurdisch sollen nachziehen. 2023 hatte die Neuköllner BVV auf Antrag der Grünen – mit Stimmen von SPD und Linken – bereits prüfen lassen, ob es ab Klasse 7 ein Angebot mit arabischem Sprachschwerpunkt geben kann. Die Senatsverwaltung bremste: An einer öffentlichen Schule sei das so nicht einfach umsetzbar, Arabisch sei kein reguläres Unterrichtsfach.
Dazu kommt die Linie gegen sogenannte Sprachverbote. Mehrere Berliner Schulen hatten in Schulordnungen festgeschrieben, auf dem Hof Deutsch zu sprechen. Antidiskriminierungsvereine erklärten pauschale Verbote für rechtswidrig. Die Linke will Schulordnungen in diesem Geist überprüfen. Deutsch als gemeinsame Sprache der Schule? Für die Partei klingt das schnell nach Ausgrenzung. Für viele Eltern klingt das nach dem Minimum.
Der Kontrast zur AfD ist bewusst scharf. Die will Deutsch als Schulsprache ins Schulgesetz schreiben und an Grundschulen mit hohem Anteil nichtdeutscher Herkunftssprache „Deutsch-Garantie-Klassen“. Die Linke macht das Gegenteil zum Markenkern: Herkunftssprache stärken, Beschwerdestellen ausbauen, arabisch- und kurdischsprachige Zweige prüfen.
Die Linke nennt das Vielfalt. Beobachter nennen das Islamisierung.