In Kernkraftwerken entstehen radioaktive Abfälle, die für enorme Zeiträume sicher von Mensch und Umwelt getrennt werden müssen. Es sind die Abfallprodukte kontrollierter Kernspaltung.
Vergleichen wir den gegenwärtigen Kulturkampf mit einer kulturellen Kernschmelze, einer kaum noch kontrollierbaren Kettenreaktion, entstehen ebenfalls Abfallprodukte mit langer Halbwertszeit. Politische Debatten verschwinden aus den Schlagzeilen. Die persönlichen Folgen bleiben: zerbrochene Freundschaften, zerrüttete Familien und Menschen, die einander zu Feinden geworden sind.
Der persönliche Preis
Die Einschläge der menschlichen Entzweiung kamen für alle immer näher. Spätestens mit der Kontroverse um Corona und die Impfungen entschied sich die Qualität zwischenmenschlicher Beziehungen plötzlich am Impfpass.
Die politische Einstellung war nicht mehr nur Privatsache, sondern wurde zum vermeintlichen Miteigentum der Menschen, die uns nahestanden.
Jeder hatte plötzlich ein Mitspracherecht und durfte billigen oder missbilligen: Corona-Kritiker beendeten ihre Freundschaften mit Impfbefürwortern – und umgekehrt.
Bereits während der Flüchtlingskrise entschied am Esstisch die Frage, wer Gutmensch und wer Vernunftmensch war, über den Fortbestand oder das Ende einer Beziehung, einer Freundschaft oder des Familienfriedens.
Eine politische Meinungsverschiedenheit blieb nicht länger eine politische Meinungsverschiedenheit. Sie wurde zum Urteil über den Charakter eines Menschen. Wer anders dachte, lag nicht einfach falsch. Er galt als schlechter Mensch.
Wenn Politik den Menschen entweiht
Dem linken Kulturkampf fällt alles zum Opfer, was das gesellschaftliche Koordinatensystem als Fundament des Zusammenlebens ausmacht: Geschlecht, Gerechtigkeit, Identität und selbst der Anspruch wissenschaftlicher Erkenntnis. Die Liste ist nahezu endlos.
Am Ende steht aber immer der Mensch – und seine Sehnsucht nach sozialer Zugehörigkeit und Gemeinschaft. Der Mensch ist ein soziales Wesen. Er kann den Verlust politischer Anerkennung ertragen. Der Verlust seiner Familie, seiner Freunde und seines sozialen Umfelds trifft ihn dagegen im Innersten.
Der Mensch ist kein politisches Programm. Er ist ein soziales Wesen, dessen tiefste Angst nicht der Widerspruch, sondern der Verlust von Zugehörigkeit ist.
Genau darin liegt die eigentliche Macht des Kulturkampfes. Er entscheidet nicht nur darüber, welche Meinung öffentlich ausgesprochen werden darf. Er entscheidet darüber, welchen persönlichen Preis ein Mensch für seine Überzeugungen zahlen muss.
Menschen haben für ihre Überzeugungen einen hohen Preis gezahlt. Manche verloren Freunde, andere ihre Beziehung oder den Kontakt zur eigenen Familie. Sie mussten sich entscheiden zwischen dem, was sie für richtig hielten, und dem Wunsch, weiterhin dazuzugehören.
Der politische Kampf endet nicht mehr an der Wohnungstür. Er sitzt längst mit am Küchentisch.
Die drei Stufen der Ächtung
Der linke Kulturkampf verlief in drei Stufen.
Zunächst wurde Moral zur Waffe. Menschen wurden in gebilligte und missbilligte Lebensformen eingeteilt. Nicht mehr das Argument wurde bewertet, sondern der Mensch hinter dem Argument. Wer auf der falschen Seite stand, sollte nicht widerlegt, sondern moralisch markiert werden.
Im zweiten Schritt folgte die soziale Ächtung. Menschen verloren berufliche Möglichkeiten aufgrund einer AfD-Mitgliedschaft. Jahrelange Freundschaften wurden gekündigt, weil jemand Migrationskritik geäußert hatte. Der eigene Vater, selbst ein heterosexueller Cis-Mann, wurde durch die Linksideologisierung seiner Tochter plötzlich zum Feind in der eigenen Familie.
Im dritten Schritt wurde aus äußerer Ächtung innere Selbstkontrolle. Menschen begannen, ihre Gedanken zu verschweigen, um ihren Arbeitsplatz, ihre Beziehung oder den Familienfrieden nicht zu gefährden. Sie wechselten am Esstisch das Thema, schwiegen im Büro und prüften jedes Wort, bevor es den eigenen Mund verließ.
Damit hatte der Kulturkampf sein eigentliches Ziel erreicht. Der gesellschaftliche Druck musste nicht mehr offen ausgeübt werden. Die Menschen hatten begonnen, sich selbst zu disziplinieren.
Die Macht über alles, was uns ausmacht
Dahinter steckt ein entgrenzter Kampf um die kulturelle Vorherrschaft – und damit um die Macht über alles, was uns ausmacht.
Es geht nicht nur um Wahlen, Parteien oder einzelne politische Entscheidungen. Es geht um die Macht über unsere Sprache, unsere Beziehungen und unsere Vorstellung davon, was ein anständiger Mensch denken darf. Der politische Kampf endet nicht mehr an der Wohnungstür. Er sitzt mit am Küchentisch.
Der Preis dafür ist enorm. Eine Gesellschaft verliert ihre Fähigkeit, politische Unterschiede auszuhalten. Freundschaft gilt nur noch unter Vorbehalt, Liebe wird an Zustimmung geknüpft und selbst die Familie wird zum politischen Raum, in dem jeder seine Haltung beweisen muss.
So entstehen die Abfallprodukte des Kulturkampfes: Menschen, die politisch weiterkämpfen, aber persönlich vereinsamen. Menschen, die ihre Überzeugung bewahren, aber ihre Heimat in der Gemeinschaft verlieren.
Freiheit kann niemand allein verteidigen
Der Kulturkampf lohnt sich, weil eine Gesellschaft ohne Widerspruch ihre Freiheit verliert. Doch wir dürfen nicht verschweigen, was dieser Kampf kostet.
Wer von Menschen Mut verlangt, muss ihnen auch Gemeinschaft anbieten. Wer sie auffordert, gegen den gesellschaftlichen Strom zu schwimmen, darf sie anschließend nicht mit den Folgen alleinlassen. Eine politische Bewegung, die nur Härte fordert, aber keine menschliche Heimat schafft, wird irgendwann an ihrer eigenen Kälte scheitern.
Die Antwort auf soziale Ächtung kann deshalb nicht nur noch mehr Härte sein. Sie muss darin bestehen, neue Bindungen aufzubauen, Freundschaften zu bewahren und jenen Menschen Gemeinschaft zu geben, die sie aufgrund ihrer Überzeugungen verloren haben.
Freiheit bedeutet nicht nur, sagen zu dürfen, was man denkt. Freiheit bedeutet auch, trotz seiner Überzeugungen ein Teil der Gemeinschaft bleiben zu können.
Der Kulturkampf fordert jeden Tag Opfer. Seine Abfallprodukte haben eine lange Halbwertszeit. Sie verschwinden nicht mit der nächsten Schlagzeile.
Wenn wir für die Freiheit gegen die linksgrüne kulturelle Vorherrschaft kämpfen, dürfen wir deshalb jene nicht vergessen, die ihren persönlichen Preis bereits bezahlt haben.