Udo Di Fabio, 72, ist kein gewöhnlicher Name auf den Kandidatenlisten für Schloss Bellevue. Zwölf Jahre saß der Verfassungsrechtler im Zweiten Senat des Bundesverfassungsgerichts, heute lehrt er in Bonn. In der Union genießt er seit Jahren Vertrauen, auch Friedrich Merz schätzt den Juristen. Nun soll sein Name in CDU-Kreisen für die Bundespräsidentenwahl 2027 kursieren.
Di Fabio gilt als konservativer Kopf mit intellektuellem Gewicht. Familie, Nation, staatliche Ordnung und die Grenzen politischer Beliebigkeit spielen in seinem Denken eine deutlich größere Rolle als bei vielen Vertretern des heutigen Politikbetriebs. Ein rechter Revolutionär ist er deshalb noch lange nicht.
Migration: Merkels Kritiker
Seine größte konservative Duftmarke setzte Di Fabio während der Flüchtlingskrise. In einem Gutachten für Bayern argumentierte er 2016, der Bund sei verpflichtet, die Kontrolle über die Staatsgrenzen sicherzustellen. Das Grundgesetz setze voraus, dass der Staat seine Grenzen und die Einreise in sein Staatsgebiet tatsächlich beherrschen könne.
Damit stellte sich ausgerechnet ein ehemaliger Verfassungsrichter gegen die politische Erzählung jener Jahre, eine wirksame Begrenzung der Migration sei rechtlich kaum möglich. Di Fabio war plötzlich der Anti-Merkel-Jurist.
AfD: Brandmauer bleibt
Beim Umgang mit der AfD endet Di Fabios konservativer Eigensinn allerdings schnell.
Er warnt zwar davor, die Partei pauschal mit der NSDAP gleichzusetzen, und hält auch einen AfD-Wahlsieg nicht automatisch für den Untergang der Demokratie. Gleichzeitig verteidigt er die Brandmauer grundsätzlich: Sie solle aufrechterhalten werden, solange dies „möglich“ und „nötig“ sei.
Ein Präsident für die rechte Öffnung der Union wäre Di Fabio damit kaum.
Wehrpflicht: Im Zweifel Pflicht
Auch bei der Bundeswehr liegt Di Fabio näher am neuen Berliner Konsens als am libertären Flügel. Freiwilligkeit solle zwar Vorrang haben. Reiche sie für die Verteidigungsfähigkeit Deutschlands nicht aus, hält er jedoch auch eine verpflichtende Lösung für denkbar.
Der Staat darf für Di Fabio also Grenzen setzen – und im Ernstfall auch etwas von seinen Bürgern verlangen.
Konservativer Präsident – aber kein Rebell
Di Fabio wäre nach den Steinmeier-Jahren zweifellos ein Stilbruch. Ein konservativer Verfassungsjurist im Schloss Bellevue, der über Familie, Nation, staatliche Handlungsfähigkeit und Migration anders spricht als das linksgrüne Milieu, hätte Symbolkraft.
Doch wer einen Anti-Establishment-Präsidenten erwartet, dürfte enttäuscht werden.
Di Fabio ist kein Revolutionär gegen das System. Er ist womöglich etwas viel Selteneres geworden: ein Konservativer, der das System wieder ernst nehmen will.
Ob die CDU ihn tatsächlich nominiert, ist offen. Noch gibt es keine offizielle Kandidatur – wohl aber einen Namen, über den Berlin plötzlich spricht.