Bei Caren Miosga sollte über die Gefahr eines AfD-Sieges gesprochen werden. Heraus kam etwas anderes: ein zeithistorisches Dokument über eine politische Mitte, die ihre eigene Krise nicht mehr verbergen kann.
Bauerntheater, mehr nicht. Für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung ist der öffentlich-rechtliche Polittalk längst ein durchinszeniertes Drama in drei Akten: Einladung, Vorführung und Haltung. Der Ausgang scheint häufig festzustehen, bevor der erste Gast seinen Platz eingenommen hat.
Und doch entwickeln gerade diese Sendungen in Zeiten politischer Verschiebungen einen Wert, den ihre Macher womöglich gar nicht beabsichtigen: Sie werden zum Archiv des Niedergangs einer politischen Epoche.
Am Sonntagabend lautete die Frage bei Caren Miosga: „Ist die Brandmauer noch zu halten?“ Anlass war die bevorstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt. Die AfD liegt dort in Umfragen weit vor der CDU; die ARD selbst verwies vor der Sendung auf Werte von mehr als 40 Prozent für die Partei. Eingeladen waren der ehemalige CDU-Vorsitzende Armin Laschet, Politikwissenschaftler Christian Stecker, ZEIT-Journalistin Valerie Schönian und Schauspieler Christian Friedel. Die AfD selbst blieb draußen.
Das Setting war damit fast schon die Botschaft: Die politische Mitte diskutiert unter sich darüber, weshalb Millionen Bürger nicht mehr die politische Mitte wählen.
Die AfD fehlt – und beherrscht trotzdem den Raum
Die eigentliche Hauptfigur des Abends saß nicht im Studio. Eine Partei wird zur zentralen politischen Kraft ganzer Regionen und zugleich behandelt, als könne man ihre Existenz durch institutionelle Distanzierung rückgängig machen.
Armin Laschet sprach schließlich den Satz aus, der dieser Sendung bleiben dürfte. Seit Jahren wird die sogenannte Brandmauer nicht lediglich als taktische Entscheidung der Union dargestellt. Sie wurde moralisch aufgeladen, zum demokratischen Bekenntnis erklärt und teilweise zum Maßstab politischer Anständigkeit erhoben.
Laschet und der Widerspruch der alten Mitte
Doch Laschet zieht aus seiner eigenen Analyse nicht die Konsequenz, die sich geradezu aufdrängt. Die formelle Ausgrenzung sei gescheitert – eine Regierungszusammenarbeit mit der AfD komme dennoch nicht infrage. Im parlamentarischen Alltag müsse man fairer mit ihr umgehen, politische Macht dürfe sie aber nicht erhalten.
Hier zeigte sich der eigentliche Widerspruch des Abends. Laschet erkennt das Symptom, aber er weigert sich, die Diagnose bis zum Ende auszusprechen.
Wenn eine politische Strategie über Jahre verfolgt wird und die Partei, die sie schwächen sollte, währenddessen immer stärker wird, müsste die erste Frage lauten: Warum wählen diese Menschen so? Stattdessen wird weiterhin darüber diskutiert, welche parlamentarische Konstruktion den Wählerwillen am besten einhegen könnte.
Laschet selbst beschrieb das Problem erstaunlich treffend: Immer wieder entstehe der Eindruck, dass unabhängig vom Wahlergebnis am Ende dieselben politischen Kräfte regierten. Damit formulierte er unfreiwillig einen wesentlichen Teil der AfD-Erfolgsgeschichte.
Denn Demokratie lebt nicht nur davon, dass Bürger wählen dürfen. Demokratie lebt von der realen Möglichkeit politischer Veränderung.
Professor Stecker gerät zwischen die Fronten
Besonders aufschlussreich wurde der Abend dort, wo Politikwissenschaftler Professor Christian Stecker und Laschet aneinandergerieten. Selbst die Nachberichte der Sendung heben den Konflikt zwischen beiden über den richtigen Umgang mit der AfD hervor.
Stecker wurde damit beinahe selbst zum Opfer jener politischen Selbstgewissheit, die an diesem Abend überall im Raum lag. Denn hinter der Debatte über Brandmauer, Ausschussposten und Koalitionen verbirgt sich eine grundsätzlichere Frage: Wie lange lässt sich eine politische Ordnung stabilisieren, indem man über den Umgang mit ihren Herausforderern diskutiert, statt über die Ursachen ihrer Stärke?
Genau hier entsteht die unfreiwillige Komik des gesamten Formats. Man sitzt in einem Berliner Fernsehstudio und versucht zu erklären, warum Bürger in Sachsen-Anhalt falsch wählen könnten – während diese Bürger möglicherweise gerade deshalb so wählen, weil sie solche Debatten seit Jahren beobachten.
Die Panik hinter dem Lächeln
Bei Laschet ist dabei etwas zu beobachten, das weit über seine Person hinausgeht. Er gehört zu einer Politikergeneration, für die das alte Parteiensystem selbstverständlich war.
CDU und SPD bildeten die beiden großen Lager, kleinere Parteien ergänzten sie, Regierungswechsel fanden innerhalb eines klar abgesteckten politischen Spielfelds statt. Diese Bundesrepublik existiert nicht mehr.
Die SPD ist weit von früheren Volksparteiergebnissen entfernt. Die Union ringt um ihr Verhältnis zu einer AfD, die ihr insbesondere im Osten längst auf Augenhöhe oder sogar überlegen begegnet. Neue Bündnisse entstehen nicht mehr aus politischer Nähe, sondern zunehmend aus mathematischer Notwendigkeit.
Und trotzdem wird gesprochen, als müsse lediglich die richtige Kommunikationsstrategie gefunden werden, damit alles wieder so wird wie früher. Man sieht die Panik hinter dem Lächeln.
Minuten der Zeitgeschichte
Deshalb war diese Stunde Fernsehen bedeutender, als sie auf den ersten Blick wirkte. Nicht weil dort eine brillante neue politische Idee geboren wurde. Nicht weil Miosga eine historische Enthüllung gelungen wäre. Und schon gar nicht, weil ein weiterer Talkshowabend das Land verändern würde.
Scheinbar wenigen ist bewusst, welche Bedeutung einige dieser Minuten, Sekunden und Stunden einmal bekommen könnten. Vielleicht werden Historiker irgendwann auf Sendungen wie diese zurückblicken und darin dokumentiert sehen, wie sich die Bundesrepublik der 2010er- und 2020er-Jahre auflöste: zuerst langsam, dann plötzlich.
Sie werden sehen, wie eine Partei ausgeschlossen wurde und trotzdem wuchs. Wie immer neue Koalitionen gegen sie gebildet wurden und sie trotzdem wuchs. Wie Politiker erklärten, ihre Strategie sei gescheitert – und im nächsten Satz daran festhielten.
Und wie die politische Mitte immer verzweifelter über die Frage diskutierte, wie man die AfD verhindern könne, während sie kaum noch darüber sprach, weshalb so viele Bürger sie überhaupt wollten.
Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass möglicherweise nicht die AfD allein die alte Bundesrepublik verändert. Die politische Mitte verändert sie selbst – mit jeder Umgehungskoalition, jedem moralischen Ausschluss und jeder Strategie, die den Eindruck verstärkt, dass Wahlergebnisse zwar zur Kenntnis genommen werden, politische Konsequenzen daraus aber unerwünscht sind.
Die Ironie der Geschichte besteht darin, dass möglicherweise nicht die AfD allein die alte Bundesrepublik verändert. Die politische Mitte verändert sie selbst.
Mittedämmerung bei Miosga.