Menschen suchen den Weg in die Öffentlichkeit, andere scheuen das Rampenlicht. Doch obwohl ständig von „der Öffentlichkeit“ gesprochen wird, bleibt erstaunlich unklar, was sie eigentlich ist. Sie hat keine Adresse, keine Verfassung und kein Parlament, und trotzdem verfügt sie über eine Macht, die politische Institutionen zunehmend überragt.

Künstliche Intelligenz, Algorithmen und die mediale Globalisierung haben diese Macht noch einmal vervielfacht. Jeder Mensch mit einem Smartphone kann heute Sender und Empfänger zugleich sein. Ein Video, ein Post oder ein kurzer Ausschnitt kann binnen Stunden Millionen Menschen erreichen, politische Debatten bestimmen und Personen oder Institutionen unter Druck setzen, lange bevor Parlamente oder klassische Medien reagieren. Die Öffentlichkeit ist damit mächtiger geworden, gleichzeitig hört sie aber auf, eine gemeinsame Öffentlichkeit zu sein.

Vom Kaffeehaus zum Algorithmus

Jürgen Habermas beschrieb in seinem Klassiker Strukturwandel der Öffentlichkeit, wie sich im Europa des 18. Jahrhunderts eine bürgerliche Öffentlichkeit herausbildete. In Kaffeehäusern, Salons und Clubs diskutierten Bürger außerhalb unmittelbarer staatlicher oder höfischer Kontrolle über Politik, Literatur und Gesellschaft. Öffentlichkeit entstand überall dort, wo Menschen miteinander stritten und ihre Argumente vor anderen rechtfertigen mussten. Das Ideal dahinter war, dass nicht Herkunft oder Rang, sondern das bessere Argument entscheiden sollte.

Natürlich war diese Öffentlichkeit nie so vollkommen, wie ihr Ideal vermuten lässt. Trotzdem besaß sie gemeinsame Orte, gemeinsame Gegenstände und zumindest die Vorstellung einer gemeinsamen Wirklichkeit. Genau diese Voraussetzung gerät heute ins Wanken. Die Digitalisierung hat die Grenze zwischen Privatheit und Öffentlichkeit nahezu aufgelöst. Inszenierung konkurriert mit Argumenten, Aufmerksamkeit mit Wahrheit und Geschwindigkeit mit Tiefe. Der Algorithmus fragt nicht danach, was richtig ist, sondern danach, was bindet, empört und geteilt wird.

Daraus lediglich kulturpessimistisch einen allgemeinen Niedergang der Debatte abzuleiten, greift jedoch zu kurz. Wir erleben womöglich etwas Grundsätzlicheres. Nicht die Öffentlichkeit selbst verschwindet, sondern ihre Einheit.

Zwei Öffentlichkeiten, zwei Wirklichkeiten

Es gibt heute nicht mehr die eine deutsche Öffentlichkeit. Es gibt verschiedene Öffentlichkeiten, die nebeneinander existieren und teilweise kaum noch miteinander kommunizieren. Auf der einen Seite steht die klassische Fernsehöffentlichkeit aus Tagesschau, ZDF, politischen Talkshows und großen Leitmedien. Millionen Menschen begegnen dort täglich einer relativ geschlossenen Auswahl von Themen, Personen und Deutungen.

Daneben existiert eine vollkommen andere Öffentlichkeit auf X, YouTube, Instagram, Telegram und in neuen digitalen Medien. Dort entstehen Debatten häufig Stunden oder Tage früher. Bilder, Ausschnitte und Kommentare verbreiten sich ohne die traditionellen journalistischen Schleusen und folgen einer anderen inneren Logik. Sie sind schneller, unmittelbarer, persönlicher, emotionaler und häufig aggressiver.

Beide Welten begegnen sich inzwischen kaum noch. Wenn sie aufeinandertreffen, dann meistens in Form gegenseitiger Diffamierung. Die eine Seite hält die andere für Opfer von Desinformation, Populismus und Radikalisierung. Die andere betrachtet die klassischen Medien als politisch homogenes Meinungssystem, das Realität filtert und unerwünschte Positionen ausgrenzt. Aus politischer Konkurrenz ist dadurch zunehmend epistemische Konkurrenz geworden. Man streitet nicht mehr nur darüber, wie ein Ereignis zu bewerten ist, sondern bereits darüber, was überhaupt geschehen ist.

Das Archipel der Unteröffentlichkeiten

Selbst diese beiden großen Lager zerfallen wiederum in zahlreiche Unteröffentlichkeiten. Die politische Kommunikation auf Instagram funktioniert anders als auf X. Telegram entwickelt andere Themen und Kommunikationsformen als TikTok. Podcast-Hörer bilden andere Milieus als Zuschauer einer politischen Talkshow. Jede Plattform besitzt ihre eigene Sprache, Geschwindigkeit und Hierarchie. Auf X dominiert die Zuspitzung, auf Instagram die visuelle Inszenierung, auf TikTok die unmittelbare emotionale Verständlichkeit. In Podcasts wiederum kann gerade Länge und Vertiefung zum entscheidenden Wert werden.

Die Öffentlichkeit gleicht deshalb immer weniger einem Marktplatz, auf dem unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen miteinander streiten. Sie gleicht vielmehr einem Archipel aus voneinander getrennten Inseln. Man kann heute jahrelang politisch hochinformiert sein und trotzdem kaum erfahren, worüber die andere Hälfte des Landes spricht, welche Themen sie bewegt und welche Ereignisse sie überhaupt wahrnimmt.

Politik ohne gemeinsamen Resonanzraum

Für die Politik ist diese Entwicklung von enormer Bedeutung. Demokratische Politik war immer darauf angewiesen, unterschiedliche gesellschaftliche Gruppen wenigstens zeitweise in einem gemeinsamen Kommunikationsraum zusammenzuführen. Parteien wollten Mehrheiten organisieren, Regierungen Zustimmung herstellen und Medien eine Gesellschaft über sich selbst informieren. Doch wie soll eine Gesellschaft noch „mitgenommen“ werden, wenn sie sich längst nicht mehr im selben medialen Raum befindet?

Gerade hier zeigt sich ein Problem, das vor allem linke und grüne Akteure lange unterschätzt haben. Wer politische oder gesellschaftliche Milieus dauerhaft moralisch ausgrenzt, kappt irgendwann die kommunikative Verbindung zu ihnen. Ein symbolischer Moment war deshalb die Kampagne #WirVerlassenX. Was als moralische Abgrenzung gedacht war, machte sichtbar, dass Teile des politischen und medialen Establishments einen Kommunikationsraum bewusst aufgaben, weil ihnen dessen Nutzer, Debatten und Dynamiken missfielen. Der Konflikt verschwindet dadurch jedoch nicht. Man hört ihn lediglich nicht mehr.

Wenn Milieus eigene Öffentlichkeiten bilden

Ähnliche Fragmentierungen werden sich auch durch gesellschaftliche und demografische Veränderungen verstärken. Wenn religiöse, kulturelle oder migrantische Milieus politisch eigenständiger werden, entstehen nicht nur neue Parteien, Organisationen oder Interessenvertretungen, sondern auch eigene mediale Öffentlichkeiten. Politische Repräsentation und mediale Repräsentation beginnen sich gegenseitig zu verstärken. Gesellschaftliche Gruppen leben dann nicht nur nebeneinander, sondern zunehmend auch in unterschiedlichen Informationsräumen.

Das Ende der gemeinsamen Öffentlichkeit

Vielleicht erleben wir deshalb nicht das Ende der Öffentlichkeit im klassischen Sinne. Wir erleben vielmehr das Ende der gemeinsamen Öffentlichkeit. Der Bürger des 18. Jahrhunderts betrat das Kaffeehaus und traf dort zumindest theoretisch auf seinen politischen Gegner. Der Bürger des 21. Jahrhunderts öffnet eine App, und der Algorithmus entscheidet, welchem Gegner er überhaupt noch begegnet.

Die entscheidende gesellschaftliche Trennlinie der kommenden Jahre könnte deshalb weniger zwischen einzelnen Parteien verlaufen als zwischen unterschiedlichen Wirklichkeiten. Eine Demokratie kann Streit aushalten, sie lebt sogar von ihm. Schwieriger wird es, wenn ihre Bürger nicht mehr darüber streiten, was dieselbe Wirklichkeit bedeutet, sondern längst in verschiedenen Wirklichkeiten leben.