Die Nacht zuvor dürfte lang gewesen sein für den Regierenden Bürgermeister – eine Nacht der Telefonate, mit nur einem Ziel: "Ich will im Amt bleiben." Seit gestern Nachmittag kursiert öffentlich ein Aufforderungsschreiben zum Rücktritt, verfasst von CDU-Mitgliedern. Prominente Namen? Fehlanzeige. Aber die Wirkung ist da.

Und dann das: Ausgerechnet am Tag der Entscheidung schwänzt Wegner den Bundesrat. Seine für Freitagmorgen angesetzte Rede sagte er ab, im Ländergremium vertrat ihn stattdessen sein Finanzsenator Stefan Evers. Bereits am Donnerstagabend hatte er zudem einen Termin am Wannsee abgesagt. Ein Bürgermeister, der abtaucht, während seine Partei über sein politisches Überleben verhandelt.

Die Lügen-Liste wird länger

Es ist nicht nur der Machtkampf. Es ist die Vertrauensfrage. Wenige Tage nach dem großen Stromausfall im Berliner Südwesten wurde bekannt, dass Wegner am Tag der Katastrophe Tennis spielen war – nachdem er zuvor behauptet hatte, durchgearbeitet zu haben. Laut Senatskanzlei fand das erste dienstliche Telefonat erst um 12.45 Uhr statt, mit Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey – nicht, wie Wegner öffentlich behauptet hatte, bereits um 8.08 Uhr. Der Tagesspiegel musste sich diese Auskunft juristisch erzwingen.

Auch die Konkurrenz rechnet ab

Selbst der Koalitionspartner geht auf Distanz. SPD-Spitzenkandidat Steffen Krach schließt inzwischen kategorisch aus, dass Wegner in einem künftigen Senat unter seiner Führung noch eine Rolle spielen könnte – ein ungewöhnlich harter Satz gegenüber dem eigenen Koalitionspartner. Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten: CDU-Generalsekretärin Ottilie Klein konterte scharf, in Berlin entschieden nach wie vor die Parteien über Koalitionen und nicht Herr Krach – und unterstellte der SPD im Gegenzug eine Steilvorlage für ein Bündnis mit der Linkspartei.

Auch die Grünen legen nach: Fraktionschefin Bettina Jarasch wirft Wegner mindestens drei falsche Angaben zu seiner dienstlichen Tätigkeit während des Stromausfalls vor. Selbst die Linke, die sich schon länger von Wegner distanziert, findet klare Worte über ihre Spitzenkandidatin Elif Eralp: Wer wiederholt lüge, werde nicht gewählt.

Der Brief ohne Datum

Besonders bizarr: Der Rücktrittsbrief, der Wegner das Amt kosten könnte, trägt bis heute kein Datum. Wo Tag und Stunde stehen müssten, klafft eine Lücke – über die Seiten zieht sich als Wasserzeichen das Wort "Schrägentwurf". Ein Dokument im Werden. Und genau das macht es so brisant: Dass ein solcher Text überhaupt existiert und sich binnen kürzester Zeit verbreitet hat, ist selbst schon der eigentliche Skandal des Tages.

In der Berliner CDU kursiert breit ein offener Mitgliederbrief, der die Ablösung von Kai Wegner als Spitzenkandidat fordert.

Was steckt eigentlich dahinter?

Selbst in der CDU wundert man sich, wie ein Politiker mit eigentlich gutem Instinkt derart die Kontrolle verloren hat. Ein Christdemokrat mutmaßt gegenüber der taz, Wegner müsse möglicherweise jemand anderen decken – etwas, das ihm wichtiger sei als die eigene politische Reputation. Eine Spekulation, die bislang unbewiesen ist, aber zeigt, wie sehr selbst die eigenen Parteifreunde inzwischen nach Erklärungen suchen.

Reaktionen aus der Partei

Christian Miele, einflussreicher Berliner Investor, bekennt sich öffentlich auf X und bei WELT TV zum Rücktritt Wegners – der habe der Demokratie und Berlin geschadet. Eine repräsentative Stimme aus der Basis der CDU. Deutlicher geht's kaum.

Auch der eigene Nachwuchs schießt scharf: Berlins JU-Chef Harald Burkart fordert den sofortigen Rückzug Wegners von der Spitzenkandidatur. Er solle die Kandidatur jemandem überlassen, der in seiner persönlichen Integrität unangreifbar sei. Klare Ansage aus den eigenen Reihen. Bemerkenswert: Erst im Juni hatte sich Wegner beim Parteitag noch gegen seinen parteiinternen Herausforderer Wolfram Wickert durchgesetzt – mit über 92 Prozent der Delegiertenstimmen. Ein Vertrauensvorschuss, der binnen weniger Wochen verpufft ist.

VOLKSMUT konnte gestern mit einem Insider sprechen. Sein Befund: Chaos. In der Berliner CDU suchen Mitarbeiter hinter vorgehaltener Hand bereits neue Jobs. Der Satz, der bleibt: „Kai wird die nächsten 24 Stunden nicht überleben.“

Die Zahlen sprechen gegen ihn

2023 holte die CDU noch 28,2 Prozent. Aktuell dümpelt die Partei bei 17 bis 18 Prozent – hinter Linken, Grünen und AfD. Eine schwarz-rote Mehrheit? Nicht mehr in Sicht.

Nachfolge

Aktuell kursieren unterschiedliche Namen für eine mögliche Nachfolge – darunter Finanzsenator Stefan Evers und Justizsenatorin Felor Badenberg. In jedem Fall ein Mann. In jedem Fall ein Senator aus dem amtierenden Kabinett. Ein "fließender Übergang" soll es werden, heißt es aus CDU-Kreisen. Klingt geordnet. Ist es nicht.

Rücktritt, Regierungskrise, Kabinettsumbildung – elf Wochen vor der Abgeordnetenhauswahl am 20. September. Berlin ist arm. Und unsexy. Und ab heute Abend vielleicht auch ohne Bürgermeister.