Der Libertarismus verwechselt den politisch gekaperten Staat mit dem Staat selbst – und will das Haus abreißen, weil ihm die Besetzer nicht gefallen. Wie die Linke erklärt er Bindung, Herkunft und gewachsene Ordnung zum Feind eines abstrakten Individuums. Was sich als radikale Gegenbewegung inszeniert, vollendet am Ende nur das Zerstörungswerk des Liberalismus.
Nicht „der Staat“ errichtet Meldestellen, finanziert linke Vorfeldorganisationen oder übersetzt gesellschaftspolitische Ideologie in Gesetze. Es sind politische Akteure, die sich seiner Institutionen bemächtigt haben. Sie sitzen in Ministerien, Parlamenten, Behörden und öffentlich finanzierten Organisationen. Dort verwandeln sie ihre Weltanschauung in Verwaltungspraxis – und lassen das Ergebnis anschließend wie eine neutrale Äußerung staatlicher Vernunft erscheinen.
Was der Bürger als staatliche Übermacht erlebt, ist deshalb nicht zwangsläufig die Folge von Staatlichkeit. Es ist die Folge eines Staates, dessen Schaltzentralen politisch besetzt und dessen Möglichkeiten ideologisch missbraucht werden.
Wer daraus die Abschaffung oder weitgehende Entmachtung des Staates ableitet, verwechselt das besetzte Haus mit seinen Besetzern. Er will das Gebäude abreißen, weil ihm nicht gefällt, wer darin wohnt. Genau hier beginnt die Irrfahrt des Libertarismus.
Der Liberalismus hat den Westen immer unfähiger gemacht, zwischen Freiheit und Auflösung zu unterscheiden. Familie, Nation, Religion, Geschlecht und kulturelle Herkunft erschienen irgendwann nicht mehr als Voraussetzungen einer freien Ordnung, sondern als verdächtige Einschränkungen des Individuums. Der Liberalismus verkaufte seine eigenen kulturellen Grundlagen im Namen jener Freiheit, die ohne diese Grundlagen kaum bestehen kann.
Wie ausgerechnet der Libertarismus als radikalisierter Stiefbruder dieses Liberalismus ein Problem lösen soll, das aus dessen Menschenbild hervorgegangen ist, bleibt sein großer Widerspruch. Er will die Folgen liberaler Entgrenzung mit noch mehr Entgrenzung bekämpfen.
Auf die entscheidenden Fragen bleiben viele Libertäre eine Antwort schuldig. Mit großer Verve fordern sie weniger Staat, einen Minimalstaat oder gleich gar keinen Staat – ohne hinreichend zu erklären, was sie unter Staat verstehen. Doch wer seinen Gegner nicht definieren kann, kann auch seine Macht nicht sinnvoll begrenzen.
Der Staat ist nicht bloß eine Ansammlung von Finanzämtern, Verordnungen und Beamten. Er schützt Grenzen, garantiert Eigentum, setzt Recht durch und schafft jenen Raum, in dem Freiheit überhaupt erst praktisch werden kann. Staatsrechtler und Philosophen streiten seit Jahrhunderten darüber, worin sein Wesen liegt. Der libertäre Diskurs hingegen behandelt ihn häufig wie ein selbsterklärendes Übel.
Doch ein Feind, dessen Wesen unbestimmt bleibt, ist kein politischer Begriff. Er ist ein Mythos.