Die SPD steckt in der Krise, Franziska Giffeys politische Zukunft ist offen. Und ein Journalist des Magazins „Stern“ bewertet öffentlich, für welche Spitzenämter sie geeignet wäre. Darf man das noch Journalismus nennen – oder ist das bereits politische Personalberatung?

Julius Betschka, politischer Reporter beim „Stern“, hat auf X über Franziska Giffeys mögliche Zukunft geschrieben. Die SPD-Politikerin wäre aus seiner Sicht eine „hervorragende Wahl als Arbeitsministerin“ gewesen. Sie sei „regierungserfahren, bekannt, ideenreich“. Bemerkenswert findet Betschka außerdem, dass Giffey nun „hier und da als mögliche Parteichefin genannt wird“. Allerdings sei dieser Teil ihrer Karriere in Berlin „weniger glorreich“ verlaufen.

Das ist mehr als eine bloße Nachricht über die Personaldebatte in der SPD. Betschka bewertet öffentlich, welches Regierungsamt zu einer Politikerin passen würde, und kommentiert zugleich ihre Aussichten auf den Parteivorsitz.

Gerade bei Personalfragen ist die Trennlinie heikel: Wer beurteilt, wer ein Amt verdient oder dafür geeignet wäre, beeinflusst mit, welche Kandidaten als ernsthafte Optionen wahrgenommen werden.

Bei Giffey kommt hinzu, dass ihre politische Laufbahn keineswegs geradlinig verlief. Sie war Bundesfamilienministerin und Regierende Bürgermeisterin von Berlin, musste nach der Plagiatsaffäre um ihre Doktorarbeit aber ihren Doktortitel abgeben und als Bundesministerin zurücktreten. Auch ihre Zeit an der Spitze der Berliner SPD war von politischen Rückschlägen geprägt.

Betschka kritisiert zwar Giffey für ihre erfolglose Parteiführung in Berlin. Dennoch bringt er den Namen der Spitzenfrau in einer Personaldebatte ein und setzt damit den Spin für einen politischen Vorgang.

Ob Franziska Giffey die richtige Person für die Führung der Bundes-SPD wäre, müssen am Ende die Sozialdemokraten selbst entscheiden. Journalisten dürfen diese Frage diskutieren – und ihre Einschätzungen öffentlich machen. Aber Leser dürfen ebenso fragen, ob eine solche Bewertung noch reine Beobachtung ist oder bereits in die politische Debatte eingreift.