Angst statt Aufklärung? Bei der Corona-Aufarbeitung im Bundestag geraten jetzt auch die Medien unter Druck. Ein Medienforscher erhebt schwere Vorwürfe: Leitmedien hätten die Regierungslinie gestützt, Kritiker ausgegrenzt und mit einer „Schock-Strategie“ die Bevölkerung verunsichert. Andere Sachverständige widersprechen.
Die Corona-Pandemie ist längst vorbei. Ihre gesellschaftlichen Folgen sind es nicht. Und während politische Entscheidungen, Lockdowns und Grundrechtseinschränkungen aufgearbeitet werden, rückt nun eine weitere Institution in den Fokus: die Medien. Bei einer Anhörung der Enquete-Kommission des Bundestages am 2. November stand die Rolle des Journalismus während der Pandemie auf der Tagesordnung. Die Vorwürfe hatten es in sich.
Der Vorwurf: Angst statt kritischer Distanz
Besonders deutlich wurde Medienforscher Michael Meyen. Er warf den Leitmedien vor, der Politik gefolgt zu sein, statt sie kritisch zu kontrollieren. Redaktionen hätten zu wenig hinterfragt, repressive Maßnahmen teilweise sogar unterstützt, um Sendezeiten zu bekommen. Seine Bilanz: „Wir erlebten eine Schock-Strategie.“ Eine Masse an Daten habe die Menschen regelrecht paralysiert. Kritische Positionen und Proteste seien ausgeblendet oder delegitimiert worden. Meyen sieht darin ein grundlegendes Versagen des journalistischen Auftrags.
Seine Kritik ist nicht neu, bekommt durch die Anhörung aber erneut parlamentarische Aufmerksamkeit. Bereits in seiner schriftlichen Stellungnahme vom 28. Oktober beschreibt Meyen ein Zusammenspiel aus Politik, Wissenschaft und Leitmedien, in dem sich bestimmte Deutungen durchgesetzt hätten. Wer den Regierungskurs infrage stellte, habe nicht dieselben Möglichkeiten erhalten, seine Argumente öffentlich zu präsentieren. Statt Vielfalt, Transparenz und Fairness habe sich ein weitgehend gleichförmiges Bild der Pandemie etabliert.
Was die Forschung über die Berichterstattung zeigt
Dass es tatsächlich erhebliche Schwachstellen gab, zeigt auch eine bereits 2021 veröffentlichte wissenschaftliche Untersuchung zur Corona-Berichterstattung. Die Kommunikationswissenschaftler Marcus Maurer, Carsten Reinemann und Simon Kruschinski untersuchten elf deutsche Leitmedien. Ihr Ergebnis: Politiker sowie Ärzte und Wissenschaftler dominierten die Berichterstattung. Corona-Skeptiker, Oppositionelle und unmittelbar Betroffene kamen dagegen nur selten zu Wort. Auch die Unsicherheit wissenschaftlicher Prognosen sei häufig nicht ausreichend vermittelt worden. Die negativen wirtschaftlichen, sozialen und psychologischen Folgen der Maßnahmen gerieten zunehmend aus dem Blick. Allerdings bewerteten die Forscher die Berichterstattung insgesamt überwiegend als sachlich – ein pauschales Urteil, sämtliche Medien hätten regierungsfreundliche Propaganda betrieben, lässt sich aus der Studie gerade nicht ableiten.
In der Bundestagsanhörung widersprach deshalb auch Marcus Maurer der pauschalen Kritik. Die Medien seien zwar mehrheitlich im „Team Vorsicht“ gewesen und hätten harte Maßnahmen eher befürwortet. Von einer generell regierungsfreundlichen Berichterstattung könne dennoch keine Rede sein. NDR-Journalistin Korinna Hennig bestritt zudem, dass es eine direkte politische Einflussnahme auf ihren Sender gegeben habe. Wissenschaftsjournalismus müsse sich am fachlichen Forschungskonsens orientieren und nicht jede beliebige Gegenposition gleich gewichten. Gleichzeitig räumten mehrere Sachverständige ein, dass Unsicherheiten, unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven und die Grenzen politischer Beratung künftig transparenter kommuniziert werden müssten.
Der Abschlussbericht der Enquete-Kommission soll bis Ende Juni 2027 vorliegen. Ob daraus mehr wird als eine politische Rückschau, wird sich auch daran messen lassen, ob die Rolle der Medien ohne Tabus untersucht wird.
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