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# Petry gegen Wagenknecht: Zwei Frauen, zwei Machtmodelle
- URL: https://www.volksmut.de/petry-gegen-wagenknecht-zwei-frauen-zwei-machtmodelle/
- Published: 2026-08-30T05:04:20.000Z
- Updated: 2026-08-30T05:04:20.000Z
- Description: Frauke Petry und Sahra Wagenknecht könnten politisch kaum unterschiedlicher sein. Und doch verbindet sie eine entscheidende Annahme.
- Author: David Brough
- Tags: MACHT, #dropcap, #toc

Die Annahme der beiden Frauen: Im deutschen Parteiensystem ist eine Lücke entstanden. Beide wollen sie füllen. Die eine versucht, die klassische Partei zu überwinden. Die andere hat eine politische Organisation geschaffen, die lange schon im Namen auf ihre Gründerin zugeschnitten war. Zwei Experimente – und am Ende dieselbe Frage: Wie organisiert man Macht?

Frauke Petry und Sahra Wagenknecht haben auf den ersten Blick wenig gemeinsam. Die eine kommt aus dem freiheitlich-konservativen Milieu, war Vorsitzende der AfD und brach später mit der Partei. Die andere wurde politisch in der SED-Nachfolgepartei groß, war über Jahrzehnte eines der bekanntesten Gesichter der Linken und gründete schließlich eine Partei, die ihren eigenen Namen trug. Und trotzdem beginnt ihre Geschichte am selben Punkt.

Beide haben früher als viele andere erkannt, dass zwischen den etablierten Parteien und einem erheblichen Teil ihrer ehemaligen Wähler eine politische Angebotslücke entstanden ist. Menschen suchen etwas, das ihnen CDU, SPD, Grüne, FDP oder Linke nicht mehr anbieten. Petry und Wagenknecht reagieren darauf jedoch vollkommen unterschiedlich.

## Petrys paradoxe Anti-Partei

Frauke Petrys Team Freiheit ist dabei das interessantere institutionelle Experiment.

Schon der Name soll Distanz zum klassischen Parteienbetrieb schaffen. Nicht Partei, sondern „Team“. Nicht Apparatschik, sondern Kandidat. Nicht lebenslange Parteikarriere, sondern politische Bewegung.

Ganz entkommen kann allerdings auch Team Freiheit den Gesetzen der parlamentarischen Demokratie nicht. Wer in Parlamente einziehen, Fraktionen bilden und am Ende politische Macht ausüben will, benötigt Organisation. Team Freiheit ist deshalb längst selbst eine Partei und tritt bei der Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern erstmals an.

Der eigentliche Versuch liegt woanders: Team Freiheit möchte Mandat und Parteimitgliedschaft voneinander trennen. Für die Partei sollen bewusst parteilose Kandidaten antreten. Die Organisation soll damit weniger Selbstzweck und mehr Vehikel sein.

Das klingt zunächst wie eine organisatorische Fußnote. Tatsächlich berührt es aber einen der entscheidenden Konstruktionsfehler moderner Parteien: Organisationen, die einmal geschaffen wurden, entwickeln irgendwann ein Interesse an ihrem eigenen Überleben. Posten entstehen, Hierarchien wachsen, Funktionäre verteidigen Zuständigkeiten – und aus der Bewegung wird der Apparat.

Petry versucht genau diesen Kreislauf zumindest rhetorisch zu durchbrechen. Die Frage lautet nur: Kann das funktionieren?

Denn irgendwann kommt der Flaschenhals. Wer politische Macht übernehmen will, muss Kandidaten auswählen, Listen aufstellen, Geld verteilen, Konflikte entscheiden und Mehrheiten organisieren. Und spätestens dann wird aus Freiheit Organisation.

## Das Prinzip Wagenknecht

Sahra Wagenknecht wählte den entgegengesetzten Weg.

Während Petry versucht, den Parteiapparat möglichst kleinzureden, war das ursprüngliche BSW kaum von seiner Gründerin zu trennen. Nicht zufällig stand ihr Name auf jedem Wahlzettel, auf jedem Plakat und sogar im Namen der Partei.

Das war kein Unfall. Es war das Geschäftsmodell. Wagenknecht besitzt etwas, das im politischen Berlin selten geworden ist: eine eigenständige Öffentlichkeit. Menschen hören Wagenknecht zu, weil Wagenknecht spricht – nicht weil eine Parteizentrale eine Pressemitteilung verschickt.

Genau diese Stärke wurde zur Grundlage ihrer Partei. Doch daraus entsteht ein Problem. Eine Partei, deren größte Stärke eine Person ist, bekommt Schwierigkeiten, sobald ihre Mitglieder beginnen, unabhängig von dieser Person Politik zu machen.

Genau das lässt sich inzwischen in Thüringen beobachten. Dort regiert das BSW gemeinsam mit CDU und SPD. Zwischen dem Thüringer Landesverband und der Bundesebene eskaliert gleichzeitig ein Machtkampf über den weiteren Umgang mit Ministerpräsident Mario Voigt. Die Thüringer BSW-Chefin Katja Wolf erklärte zuletzt sogar öffentlich, dass sie nur selten direkt mit Wagenknecht spreche. Über einen Beschluss des Bundesvorstands sei sie lediglich per E-Mail informiert worden.

Der Konflikt ist deshalb größer als die Frage nach einer einzelnen Koalition. Er stellt die Existenzfrage des BSW. Plötzlich haben Abgeordnete Mandate. Minister verfügen über eigene Apparate. Landesverbände entwickeln Interessen. Menschen, die gestern noch Teil eines Projekts waren, werden heute selbstständige Machtzentren.

## Wagenknechts Problem sind die freien Radikalen

Genau hier treffen sich Petry und Wagenknecht wieder. Jede neue politische Bewegung beginnt mit Aufbruch. Menschen schließen sich zusammen, weil sie etwas verändern wollen. Doch sobald Mandate, Geld, Einfluss und Regierungsämter hinzukommen, beginnt ein zweiter Prozess.

Die Organisation verselbstständigt sich. Man könnte diese Menschen die freien Radikalen der Parteipolitik nennen: Abgeordnete, Funktionäre und Landespolitiker, die ursprünglich wegen einer Idee oder einer Person gekommen sind und irgendwann feststellen, dass sie selbst Macht besitzen.

Wagenknecht erlebt diesen Prozess gerade beim BSW. Petry könnte ihn noch erleben. Denn gerade eine Organisation, die Freigeister anziehen und Kandidaten bewusst mehr Eigenständigkeit geben will, produziert zwangsläufig Menschen, die irgendwann auch gegenüber der eigenen Parteiführung auf ihre Freiheit bestehen.

Das ist das Paradox von Team Freiheit: Je erfolgreicher Petrys Konzept funktioniert, desto weniger kontrollierbar könnte ihre eigene Organisation werden.

## Zwei Antworten auf dieselbe Krise

Vielleicht sind Frauke Petry und Sahra Wagenknecht deshalb weniger Gegensätze, als es zunächst erscheint.

Beide sind Produkte einer politischen Epoche, in der die Bindungskraft der alten Volksparteien zerfällt. Beide haben verstanden, dass Millionen Wähler nicht mehr automatisch dort wählen, wo sie oder ihre Eltern jahrzehntelang gewählt haben. Und beide versuchen, aus dieser Verschiebung eine neue politische Organisation zu bauen. Wagenknecht setzte zunächst auf maximale Personalisierung.

Petry setzt auf maximale Entpersonalisierung der klassischen Parteistruktur. Die eine sagt sinngemäß: Diese Bewegung funktioniert, weil ihr meiner politischen Linie vertraut. Die andere sagt: Dieses Team funktioniert gerade deshalb, weil ihr nicht einem Parteiapparat vertrauen müsst. Am Ende laufen beide Modelle jedoch auf dieselbe Frage hinaus.

Politik ist nicht nur Debatte. Politik ist Entscheidung. Und Entscheidung bedeutet Macht. Eine Bewegung kann sich Team nennen. Sie kann Hierarchien flach halten, Kandidaten unabhängig machen und den alten Parteienstaat verachten. Doch sobald sie Regierungspolitik machen will, beginnt das Spiel, dem noch keine neue politische Bewegung dauerhaft entkommen ist:

Wer Macht gewinnen will, muss sie organisieren. Und wer Macht organisiert, muss irgendwann entscheiden, wer sie kontrolliert.